09.03.07
Auf der Suche nach Aliens
Ich bin nicht tot. Der Bart ist auch noch nicht ganz bei Tom Hanks angekommen und die Haare habe ich immer noch von Jesus. Keine Sorge. Das Herz schlägt immer noch und bei unserem neuen Kollaborations-Projekt „Family. A Labour of Love" immer noch höher.
Ich bin nur etwas beschäftigt. Nennen wir es Projektarbeit. Ich bin so etwas wie moralischer Modedesigner oder gefühlter Diplomand. Und ausserdem auch gerne exzessiv busy.
Ich bin ja beruflich eigentlich MC in einer großen kulturellen Einrichtung. Meine Aufgabe ist es die Leute auf diesen weiten Weiden der sehr zeitgenössischen Hochkultur an die richtigen Orte zu lenken. Immer wie ein Schäferhund mit einem Lächeln zwischen den Kieferknochen, treibe ich beseelt das richtige Publikum in die rechte Halle. Aus Großzügigkeit darf ich dafür auch ein kabelloses Mikrophon benutzen, weil wirklich nur mein Fell und nicht meine Kondition an Lassie erinnert. Als ich dann eines Tages aus meinem Sumpf der prekarisierten Leihenschriftstellerei heraus trat, um für die Kultur als Hirtenhund zu arbeiten, musste ich feststellen, dass irgendwer sich erdreistete meine Funkfrequenz in Beschlag zu nehmen und mich und das Foyer mit Störsignalen zu überziehen, wo ansonsten mein liebliches Bellen durchs Mikrophon dringen würde. Ein verstörendes Rauschen und Knistern, als wäre man direkt an die Hirnströme von Bushido angeschlossen. Aber was konnte die Ursache sein? Dazu muss man vielleicht wissen wie mein Arbeitsplatz aussieht.
Das Gelände ist so groß, dass wir Fahrräder für die Kommunikation nutzen. Hinter der einen Tür sitzt Adolf Hitler hinter einem Plattenspieler und kommentiert einen Dokumentarfilm. Hinter der anderen uriniert eine Performancegruppe im Zeichen der Sünde. Hinter noch einer anderen Tür versuchen sich junge Schauspieler auf einer verzweigten Bühne. Und mittendrin Lassie-MC der Hirtenhund auf der Suche nach Störsignalen. Das Publikum, das langsam ins Foyer sickert, stört sich im ersten Moment gar nicht an den Störsignalen. An jedem anderen Tag würden sie für so etwas Eintritt bezahlen, sie kommen also eigentlich günstig davon. Also begebe ich mich auf die Suche, Frage Hitlers Haustechniker ob er Funkmikrophone benutzt, frage die Techniker des Hauses, aber leider ist der einzige der es wissen muss in der verlängerten Pause. Allgemein ist die Informationsdichte in keiner Weise vergleichbar mit der Dichte der angehenden Alkoholiker und die Zuschauer genießen noch weitere 10 Minuten kostenlose Hochkultur ohne einen Cent dafür bezahlen zu müssen.
Mittlerweile ist die Mittagspause des Retters beendet und die Fahndung nach den Aliens wird fortgesetzt. Zwei Techniker mit insgesamt vier geschulten Ohren stehen also im Foyer und versuchen die Störsignale zu entziffern. Ein Gesichtsballet der Ahnungen wird aufgeführt. Es klingt eigentlich nicht nach Hitler, eher nach der Jugendkrankheit in der kleinen Halle. Oder vielleicht doch schon die urinierenden Performer aus dem ehemaligen Ostblock? Am Ende war es ein Kamera Team von Arte, das mein Mic verseucht hat. Hochkultur kennt halt keine Grenzen, Hochkultur kennt kein Pardon.
Posted by Jazzket

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