27.03.07 Baltic Soul Chronicles - Part 1

Ein Korrespondentenbericht von Quester S. Thompson

Wir waren kurz vorm Weissenhäuser Strand, als die Drogen nicht zu wirken begannen. Mein Anwalt und ich waren unterwegs, um über den Baltic Soul Weekender zu berichten - nicht in der Wüste vor Las Vegas, sondern im erblühenden Holstein, zwischen Ferienanlage, Dünen und zotteligen Hochlandrindern. Unser Mietwagen-Kofferraum war dementsprechend auch nicht voll mit Äther, Meskalin und Acid, nein, es gab nur ganz normale Wochenendvorräte - die ohnehin schon leicht amoklaufinduzierende Plattenbauromantik, die die komplette Ferienanlage ausstrahlt, wäre auf Drogen jenseits normaler Alkoholika ohnehin schwer zu verdauen gewesen. Und selbst Alkohol kann schnell fordernd werden: Die bereits in der Mittagssonne stolz grölenden Stumpfköpfe und Aushilfs-Soulliebhaber im Apartment nebenan waren der beste Beweis dafür, wie schnell das Pauschal-Urlauber-Gen sich seinen Weg in die Freiheit bahnt.

So ein Weekender ist eigentlich eine sehr gute Idee. Vermutlich sogar die beste Idee, die man aus England übernehmen konnte, nachdem Beckham-Frisuren und Baked Beans sich als grobe Fehler herausgestellt haben. Im Prinzip ist ein Weekender ein normales Festivalwochenende, das aber in jeder Hinsicht verbessert wurde: Statt 10.000 oder 20.000 Indierockern und Hairmetallern nimmt man nur 1.000 oder 1.500 Leute aus ein, zwei anderen Subkulturen, die meist irgendwie andere gute Musik mögen. Statt eines übervölkerten Zeltplatzes mit vollen Dixiklos nimmt man komplett ausgestattete Apartments in einer Ferienanlage in der Nebensaison, weil da eh fast alles leer steht. Statt schlechtem Fastfood kocht man einfach selber. Und anstatt beim Musikhören entweder im Staub oder im Regen auf einem Acker zu stehen, kann man zwischen diversen Hallen und Floors pendeln, Minigolf und Tischtennis spielen oder am Strand die Nase in den Wind halten. Die Ostsee musste für das kostenlose Touri-Orientierungs-Heftchen ("Was Sie schon immer über Bier wissen wollten") zwar so stark auf Karibik gephotoshopt werden, dass nicht nur das Wasser, sondern auch die Badegäste wundervoll blaugrün schimmern, aber auch ohne digitalen Betrug ist Meer immer etwas Gutes. Das Konzept macht also rundum Sinn. Und dabei haben wir noch nicht mal über die Musik gesprochen.

Lesen Sie morgen in Teil 2: Was Dennis Rodman mit Soul zu tun hat und wieso Hans Nieswandt an zwei Orten gleichzeitig sein kann.

Posted by djmq