29.03.07 Baltic Soul Chronicles - Part 3

"Als Dein Anwalt," sagte mein Anwalt, "rate ich Dir, erstmal an den Strand zu gehen." Wie immer hatte er vollkommen recht. Und während man auf den großen, bösen Festivals den zweiten Tag meist zwischen alkoholdünstenden Menschen mit einer Reispfanne (4,50 Euro) in der Hand umherirrend beginnt, ist der Weekender mit entspanntem Strandspaziergang und frühlingshaftem Wetter auch hier klar im Vorteil. Als Zeitpunkt, an dem ich wieder Musik hören wollte, hatte ich mir 21.30 Uhr ausgesucht. Erst Abendessen, dann Roy Ayers. Der böse hinkende Zeitplan sorgte dann dafür, dass ich irgendwann nach 22 Uhr noch pünktlich zu Joy Denalanes Zugabe kam, ihr "Ghetto von Soweto" mag ich sowieso gerne, und hey, mit was für einer guten Band umgibt sich die Dame denn? Mit einer sehr guten Band, das steht fest. Umbaupause, genug Zeit für eine Partie "Mann-oh-Mann, bloß keinen Ärger" - eine mysteriöse 80er-Jahre-Computerspieltisch-Variante eines bekannten Brettspiels, dessen Namen mein Anwalt hier lieber unerwähnt wissen möchte.

Dann aber. Der höchst sympathische Roy Ayers, den ich vor 3 oder 4 Jahren schon einmal sehen durfte, ist natürlich inzwischen ein älterer Herr - mit Sonnenbrille und Kangol-Cap als Samuel L. Jackson verkleidet - der mit einer wirklich guten Band durch die Weltgeschichte reist. Wo sie den Gitarristen gefunden haben, wüsste ich trotzdem gerne. Der einzige Weisse in der Band, mit E-Gitarre, verkniffenem Blick und tendenziell überlangen Soli: Dave Chappelle hätte reichlich zu tun gehabt. Das Programm tendiert insgesamt ein wenig zu Muckertum, aber zumeist gibt es nichts zu Meckern, sondern ein sanftes Lächeln auf meinen Lippen. Ayers und der Rest spielen wie junge Götter, alle strahlen, und so kann man auch über die vollkommen furchtbaren Visuals auf den Leinwänden in der Halle hinwegsehen, die mehr animierte Sponsorenlogos zeigten als Musiker.

Der Rest des Abends zerfasert leider ein wenig. Das DJ-Set von Friction habe ich versehentlich knapp verpasst, ausserdem hat Smudo leider seinen höchst sympathischen ich-kann-gar-nicht-auflegen-Charme mit passend launigen Ansagen gegen einen abstürzenden Laptop, Serato und gepitchte Übergänge getauscht. Beim letzten Mal hat das mehr Spaß gemacht. Gegen später übernehmen seine Band- und Labelkollegen Turntablerocker den großen Floor, und wäre ich volltrunken und/oder tanzwütig gewesen, hätte ich es da sicher noch eine Weile ausgehalten. Etwas technoider als gedacht, aber immer noch irgendwie funky zappeln die beiden durch ihr Set, während nebenan der halbvolle Teppichfloor (der mit Marva Whitney) von Mousse T. mit unaufregendem Disco-Vocalhouse bespaßt wird. Plötzlich ist es wieder fast vier, sogar noch nach Winterzeit. Feierabend.

Lesen Sie morgen in Teil 4: Was macht eigentlich... Soul?

Posted by djmq