27.10.04 Chefsache - Dorfdisse

Way too dopeDerzeit bekomme ich einen ganz passablen Eindruck, was es heißt ein "zeitloser" Mensch zu sein. Gemeint ist nicht etwa ein klassischer Charakter, sondern, oh Doppeldeutigkeit, ein Mensch ohne Zeit. Meine 9(!!!) E-Mail Accounts - Zugegeben ich bin ein Cyber-Pimp. Ich versuche "da Ladies" mit Online-Bling einzulullen und rumzukriegen. Muhmad und Kevin fahren einen BMW, ich update eine Website. Jonas und Marcel tragen Goldketten, ich habe seit neusten einen G-Mail Account - Also mein 9 E-Mail Accounts füllen sich aufgrund meiner aktuellen Lebensweise mit Mails, die zur einen Hälfte besorgt fragen wo ich denn stecke, und warum ich mich nicht melde, und zur anderen Hälfte flammende Hassbriefe sind, dafür dass ich mich nicht melde. Einige Gefährten von früher lasten mir schon Überheblichkeit und Arroganz an.

Ich habe also kaum Zeit, da ich jetzt mit beiden Händen Staatsgelder für fragwürdige Kultur aus dem Fenster schmeißen darf/muss. Leider sind mir noch nicht die Entscheidungen in die Hand gelegt, zu welchem Fenster es hinausgeworfen wird, aber ich darf immerhin schon die Schubkarren mit den Geldbündeln schieben.

Was also macht der "zeitlose" Mensch mit den Resten seiner Freizeit? Er sucht Themen für Updates. Ich habe schon öfters bewussst dämliche Sachen gemacht (VWL-Studium für 5 Tage, Merkwürdige Partys mit Dieter Bohlen, Kostümverleih...) nur um schönere Update-Themen zu erarbeiten. Diesmal ist mir ein besonders dicker Fisch ins Netz gegangen: Flyer Design für die Dorfdisco.
Ich habe das Glück über einen begnadeten Schauspieler einen wandelnden Abenteuer-Roman zu kennen. Dieser Abenteuer-Roman fährt Auto wie Michael Schumacher nachdem er Mickey Mouse Hefte geraucht hat, und hat immer irgendein halbkrummes Geschäft am laufen. Dementsprechend grunderheitert bin ich jedes mal, wenn sein Name auf meinem Handy-Display leuchtet.
Und am Montag war es mal wieder soweit: Ob ich mich mit Flyern auskennen würde, fragte der Gute. Mehr oder weniger, war meine Antwort. Also kamen wir ins Geschäft. Ich würde seinem Chef helfen Flyer für eine Party auf einem Dorf zu beschaffen. Am Montag Abend sollte es zum Treffen kommen. Cheffe wurde mir groß angekündigt, und angeblich bestand generelles Interesse an meinen Tätigkeiten. Also bemühte ich mich redlich, alles für ein gelungenes Treffen einzurichten. Gästelisten Plätze im Stammlokal und Frei-Getränke standen bereit, man hätte einen wahrlich guten Eindruck von mir gewinnen können.
Zu meiner Überraschung standen auf einmal 3 Bauarbeiter im Waagenbau die mich sprechen wollten. Waagenbau ist nicht so ganz das Richtige, für SOLCH ein Meeting. Also satteln wir um. Tanke.
Ich werde auf einen Saft und Schokoriegel eingeladen, den wir im gediegenen Ambiente, also an den Stehtischen in der Shell, verzehren. Es kommt gleich zum geschäftlichen: Was muss auf den Flyer, wenn die Dorfjugend ins Lokal gelockt werden soll?
An dieser Stelle muss man den Cheffe einfach mal genauer durchleuchten. Er ist wirklich ein Macher. Die Entscheidungen blitzen in seinen Augen auf, bevor sie mit selbstbewusster Stimme vorgetragen werden, nur um direkt Zustimmung des Anhanges zu erhalten. Dabei ist die Wortwahl und Aussprache etwas ländlich verschlafen - was gerade bei englischen Formulierungen wundervoll zum Schmunzeln verleitet.
Mein Vorschlag für den Inhalt des Flyers (Name des "Events", deskriptive musikalische Unterzeile, Datum, Uhrzeit, Ort, Eintritt und Line Up) kommt sichtlich im Verstand des Cheffes an, wird aber weiterverarbeitet. Weiterverarbeitung von Vorschlägen ist ja auch eine feine Sache - nur ist der Herr Cheffe Anführer genug, um einfach jeden Vorschlag abzuändern und so zu seinem zu machen, damit er unangefochten an der Spitze der Nahrungskette steht. Große Politik in der kleinen Dorfdisse.
Am Ende steht auf dem Flyer: Moscow House'n'Dance Night - man beachte die Zeichensetzung beim 'n' - war sehr wichtig! Eintritt klingt doof, deswegen sagt man: Abendkasse. Abendkasse suggeriert auch immer gleich gebotenes Programm, folglich ziert die Zeile "DJs gonna move ya all night long" den unteren Teil des Flyers. Das Dorf wird so gerockt. Hart an der Grenze des Legalen. Aber der Genuss den ich erlebte, als Don Cheffe mit all seiner geballten Ländlichen Ader diese Unterzeile aussprach, ist schwer zu beschreiben. Im Geiste habe ich mich gewunden wie Joe Cocker hinterm Mikrophon. Ab sofort lassen wir hier jemand anderen die Flyer-Inhalte machen.
Wie wäre zum Beispiel mit: The Squeeze - best djs in the whole town oder Positunes - live music for dancin'
Da gucken die Russen dumm, so geil wird diese House'n'Dance Night.
Den Flyer gibt es morgen zu bestaunen...
Wort

Posted by Jazzket