11.05.04 Citizen Lutterbüse

Chantal konnte ihren schrillen Schrei, der in letzter Zeit ihr Markenzeichen geworden war, gerade noch zurückhalten; Niklas schaute ganz verdutzt von dem Papiersegler auf, den er durchs Klassenzimmer auf einen Probeflug schicken wollte; Isabelle vermisste wieder einmal ihr Schreibetui und Matthias K. prüfte gerade kritisch seine Papierkugelmunition, als, völlig unverhofft, freshe Vibes aus dem HamburgFunk-Hauptquartier erklangen.
Zugegeben, der Anfang dieses Updates zum Teil ist von Herrn Lutterbüse vorgegeben, also versuchen wir, das beste daraus zu machen. "Warum Lutterbüse?", fragt sich bestimmt jetzt der eine oder andere 'geneigte' Leser. Nun ja, Lutterbüse reißt "Chikkas" wie kein zweiter und ist Vorsitzender der Religion-Fachkonferenz! Doch zurück zum Thema.
Der 'vorgegebene Anfang' ist ja ein Bestandteil der abendländischen Kultur, welcher auf den ersten Blick auf die Klassenräume der gymnasialen Beobachtungsstufe und der Grundschulen beschränkt scheint. Doch bei näherer Betrachtung liegen die Wurzeln viel tiefer. Die gesamte Geschichte der zivilisierten Welt ist nichts weiter als eine Sammlung vorgegebener Anfänge.
Nehmen wir als Beispiel den Irak-Krieg, der ja aus Funk und Fernsehen hinreichend bekannt sein sollte. Welch Steilvorlage für eine fantastische Fortsetzung. Herr Kerry ist bestimmt ganz wild darauf, die Geschichte im November fortzusetzen. Für alle, die in letzter Zeit nicht aufmerksam die Nachrichten verfolgt haben, sei sie hier noch einmal in der blumigen Sprache der Deutschlehrer zusammengefasst:

"Saddam schnellte hoch. Etwas unerhörtes hatte seine Aufmersamkeit erregt, weshalb er nun aufrecht in seinem elfenbeinernem Himmelbett saß. War heute Kamelrennen? Nein, die Geräusche, die schwer durch seine purpurfarbenen Gardinen drangen, waren so ungewöhnlich, dass Saddam für einen Moment dachte, er würde noch träumen. 'Kanonendonner', kam es ihm plötzlich in den Sinn und er war für einen Moment beunruhigt. Schnell fiel ihm jedoch ein, dass er seinen Diener, Saeed, angewiesen hatte, ein Loch in seinem Lieblingsgarten am Tigris zu graben. 'Weißt Du noch, wo sich das Loch befindet, welches Du für mich freundlicherweise grubst?', fragte er deshalb Saeed, welcher zufälligerweise gerade das Zimmer betrat, um den Diktator mit einer Tasse frischem Milchkaffee zu überraschen. 'Freilich, Herr', sprach dieser, 'aber es ist recht weit, und wenn wir es noch in Tagesfrist erreichen wollen, müssen wir sofort mit der Reise beginnen.' 'Ich bin bereit', entgegnete Saddam, der, während Saeed seinen Satz beendete, schon seinen Morgenmantel umgeschlagen hatte. 'So dann', seufzte Saeed schließlich, weil er ahnte, dass ihnen ein langer und anstrengender Tag bevorstand.
Als die beiden nach einer langen Reise endlich angekommen am Loch angekommen waren, war die Sonne schon kurz davor, sich mit dem Horizont zu vereinen. 'Hier will ich bleiben, bis bessere Zeiten anbrechen', sprach Saddam und sank in das Loch, als Saeed urplötzlich wie von der Natter gebissen zur Seite sprang, da er zwei Gestalten am nahen Gartentor gesehen hatte. 'Hi', rief die kleinere Gestalt, offensichtlich eine junge Dame, Saeed zu. Offensichtlich hatte sie von Saddams Verschwinden ebensowenig bemerkt wir ihr männlicher Partner, der lustlos einen Grashalm in seinem Mund umherschob. 'Hi', wiederholte die freundliche Stimme, 'wir sind Lynndie und Sam und wir haben Dein Land besetzt.' 'Pah, wir hatten es schon viel früher besetzt!', dachte Saeed, trat aber dennoch näher an Lynndie heran, während diese fortfuhr: 'Wir haben Großes mit Deinem Land vor! Setze doch bitte diese Kaputze auf, um die schöne Überraschung nicht zu zerstören.' Widerwillig setze Saeed die grüne Kaputze auf. 'Und ziehe doch diese schäbigen Sachen aus.', fuhr Lyndie fort, 'Sie passen nicht zum Anlass.' Saeed entkleidete sich.
'Komm mit uns', sprach nach einer kurzen Weile Lynndie, wonach Sam Saeed unvermittelt mit einem Eimer kaltem Wasser übergoss, um ihn für die Reise im silberblitzendem Hum-Vee zu reinigen, den Saeed noch kurz gesehen hatte. 'Das ist ja fantastisch!', dachte Saeed, als es ihn wie ein Stromschlag durchfuhr: 'Wie soll Saddam in seinem Erdloch von diesen wunderbaren Vorgängen erfahren?'
Als die anschließende Fahrt im Hum-Vee schon die größere Hälfte einer Stunde in Anspruch genommen hatte, hatten sich Saeeds Gedanken schon wieder etwas von Saddam entfernt und drehten sich jetzt um die großartigen Veränderungen, die anscheinend unmittelbar bevorstanden. 'Wie lange wollt ihr mich denn noch auf die Folter spannen?', stieß er plötzlich hervor. Sam beantwortete seine Frage: 'Sehr bald schon wirst Du einen Irak sehen, von dem Du vorher nur geträumt hattest. Mit den reichen Ressourcen des Landes wird hier ein friedliches Reich entstehen, dessen Menschen in tiefem Verständnis für einander leben und gemeinsam den stetig wachsenen Reichtum hegen und pflegen.' 'Da bin ich aber mal gespannt!", dachte Saeed, als sie ihre Fahrt über den steinigen Sandweg fortsetzten..."

Was für eine kreative, vielseitige Geschichte! Herr Kerry kann sich doch glücklich schätzen, sie fortsetzen zu dürfen. Sollte man meinen! Stattdessen reagiert Herr Kerry jedoch -wie die meisten Sechstklässler auch- mit Unwillen, sich an die Vorgaben zu halten. Zitat Kerry: "Bush went to war the wrong way - I voted for the right way". Übersetzung: "Der Anfang ist doof!". Da er Godzilla nicht auftreten lassen kann, wird sein Ende dann wohl dann entsprechend lieblos. Beispiel: "Lynndie setzte Saeed vor einem Haus ab. Auf dem Haus stand eine Tafel mit dem Wort 'UN'. 'Die kümmern sich um alles!', rief Lynndie. Sam und Lyndie fuhren weg. Dann schliefen sie, dann frühstückten sie. ENDE" Wollen wir also hoffen, dass Herr Bush seine wundersame Geschichte im November selber weiterschreibt und Kerry nicht ans Ruder beziehungsweise den Griffel kommt.

Was haben wir also gelernt? Fortsetzungsromane sind Ausdruck der arbeitsteiligen Gesellschaft. Der Anfang sollte jedoch von der fortsetzenden Person immer selbstgewählt sein. Ist dies nicht der Fall, ist das Gesamtergebnis selten zufriedenstellend. Warum wird letzteres Modell jedoch in Deutschen Schulen praktiziert? Ist es, um die Schüler auf ein entmenschlichtes System vorzubereiten, in dem die Identifikation mit dem Objekt aller Anstrengungen nicht oder kaum stattfindet? (siehe Marx)
Anstatt hier eine Antwort zu präsentieren oder eine Lösung des Problems auch nur anzureißen, will ich Herrn Lutterbüse das Schlusswort haben lassen:

"Seit geraumer Zeit suche ich Eindrücke [andere MCs], die mich beschäftigen [biten], in Verse [Rhymes] zu fassen [dissen]."

Herzlichst, euer

Nesch

Posted by Nesch