10.04.06
Fatty Cent
Ich liebe Pädagogen. Ich liebe Tanz. Ich liebe pädagogisch veranlagten Tanz. Und dank meines Arbeitgebers bekomme ich mindestens ein Mal im Monat eine ordentliche Portion dieser Zutaten in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen. Mal will der Tanz pädagogisches leisten, mal wollen die Pädagogen tanzen. Egal warum oder wie, sobald diese zwei Parameter aufeinander treffen geht mein Herz auf.
Aber der vergangene Samstag hat sämtliche Vögel abgeschossen (die Vogelgrippe hat keine Chance mehr, alle tot!). Das Setting war wie so oft ein lokales Theater mit viel Programm am Rande der Vernunft. Die Vernunft an diesem Abend sollten drei beseelte Pädagoginnen sein, die eine Gruppe von ungefähr 20 grundsätzlich aufgebrachten Jugendlichen versuchten in das enge Korsett eines Theaterstückes zu pressen. Da dieses Korsett niemals passen würde, ist das Theaterstück auch direkt interaktiv geworden. Und genauso interaktiv war dann auch die interne Party nach dem Stück. Ich habe noch nie so viel Verständnis auf einem Haufen gesehen wie an diesem Abend. Es war als hätten sich der Papst, Buddha und Ghandi über Mutter Theresa hergemacht. Es war wundervoll. Der Soundmensch hat Michael Jackson mit Sean Paul gemischt und alle waren glücklich. Nach Sean Paul gab es afrikanisches Liedgut. Es muss irgendwas zwischen Kwaito und Hi-Life gewesen sein. Unglaublich fröhliche Musik und wackelnde Hintern überall, als der Soundmensch seine Verzweiflung ankündigte: Wie kommt man vom 120 bpm Happy Afrika Sound sauber rüber zur nächsten CD, auf der irgendwas von Bob Dylan steht?
Ich hatte meinen Laptop mitsamt kleiner Fela Kuti Collection dabei und wollte den Soundmenschen retten. Fix herbei geholt und angeschlossen machte ich mich auf meinen Einstand als DJ bereit. Irgendwas sagte mir, dass ich vielleicht erst mit 50 Cent, der sich mit zwei Titeln in meine Playliste verirrt hatte, anfangen sollte, um dann mit Fela Kuti zu überraschen. Und siehe da! Ich droppe 50 Cent feat. Mobb Deep – Outta Control... and everybody wents bazerk! Die afrikanischen Jugendlichen lieben es, die russischen Väter rocken dazu und die drei Pädagogen drehen völlig auf. Ich bin vom Glück gebeutelt. Mein erster DJ Gig und dann gleich so ein Erlebnis. Dabei fällt einem überhaupt erst auf wie pädagogisch wertvoll der Text eigentlich ist:
50 Cent:
You do you man cause me I'm 'gon do my thang (You know I do my thang)
I'm a get my drink on and party like it's ok
Trust me man it's ok bounce with me in slow mo
When they hear the kid in the house it's like oh no
50 got 'em locin again, they open again
Got 'em sippin on that juice and gin
Hier is die Rede von Selbstverwirklichung, Okayness, Vertrauen, Sich Zeit lassen und Gin & Juice. Und ich dachte zuerst das würde überhaupt nicht passen. 50 Cent ein vergessener Beitrag zur Diskussion um die Rütli-Schule. Und die Politker sind alle immer nur im Club, hören aber nie zu!
Gut dass es dafür engagierte Pädagogen gibt, die Fiddy nicht nur zuhören, sondern auch dazu tanzen. Noch besser allerdings, dass es Alkohol und Minderjährige gibt. Besonders in dieser Konstellation, wohlbekannt als Alkoholvergiftung. Ich versuche mitten in die Afrikanischen Klänge einen Track von Five Deez einzustreuen und Ernte Buhrufe von der Tanzfläche. Fiddy Cent – YEAH – Fat Jon – NO!. Den Herren Deez fehlt einfach die pädagogische Streetcred. Aber wir hatten da ja noch zwei Alkoholvergiftungen. Die eine Dame konnte noch reden, und sollte nun mit dem Taxi abtransportiert werden. Ein freiwilliger Knabe, seines Zeichens ebenfalls angetrunken, sollte die Taxifahrt begleiten. Die Anweisung, die Dame zu hause nicht ausziehen zu müssen, war bestimmt überflüssig, hier musste niemand, hier wollte nur einer. Und dann ein unglaublich einfühlsamer Ausspruch: “Marcus, manchmal kann es beim Taxifahren Probleme geben! Dann muss man sich übergeben. Dann müsst ihr anhalten und euch auf der Straße übergeben!“
Als wäre diese Dame die erste volltrunkene die der freundliche Knabe abgeschleppt hat. Aber bezeichnend dass Fräulein Aufsichtsperson weiß wie es gehen kann, wenn man besoffen Taxi fährt. Wie schon festgestellt, die drei haben Streetcred like Mobb Deep & 2Pac.
Die erste Dame konnte ja noch lachen nur nicht mehr stehen und laufen. Die andere war aber nicht mal mehr ansprechbar. Leerer Blick, Speichel am Kinn, der Krankenwagen schon auf dem Weg. Super, wie erklärt man das dem Arbeitgeber? Am besten gar nicht. Weshalb auch der Krankenwagen abbestellt wurde. Es gab wieder Lebenszeichen. Als ich an den Tatort zurückkehrte stand eine jubelnde Menge um das arme Ding. In Deutsch und English wurde bei jedem erneuten Würgen gejubelt! Ich meine sogar die Jubel-Säge bei einem Teilnehmer gesehen zu haben. Und es war wirklich super wie sie gekotzt hat. Eine perfekte Simulation des Elbhochwassers. Und sie hörte nicht auf. Und dieses Publikum! Feierlich!
„Naima! Du bist Super!“ „Great Girl! LET IT OUT! YES!“
Ja wenn sie noch dahinten die Ecke treffen würde, dann hätte es stark an einen Dali erinnert. Und es ist erstaunlich wie leicht man von solch Jubelstimmung mitgerissen wird, obwohl nüchtern betrachtet einem einfach nur vor die Füße gekotzt wird. Dann konnte man sie sogar zu einer angrenzenden Toilette tragen. Dort hat sie dann noch weiter gekotzt, natürlich unter den Jubelrufen der drei Pädagoginnen. Ob das nicht vielleicht eine falsche Prägung ergibt? Kotzen ist super? Alkoholvergiftung das Beste was die kleine schaffen kann? Ich weiß bis heute nicht so recht was ich davon halten soll.
Und dann der vielleicht schönste Satz des Abends: „Wie heißt du eigentlich, der hier die ganze Zeit dabei ist? Du bist ja der Wahnsinn!“ Nein liebe Frau Aufsichtsperson, ich bin vermutlich der Einzige zurechnungsfähige im Umkreis von gefühlten 20 Kilometern. Und mir bleibt festzustellen, dass ich für meine Arbeit weniger gelobt wurde als Naima (Der richtige Name wurde von der Redaktion vergessen) die eigentlich nur halbtot war und danach in einer Stunde mehr gekotzt hat, als ich in zwei Wochen zu mir nehme. Vielleicht haben wir deshalb auch so viele Arbeitslose mit Alkoholproblem – Das wird einfach mehr gefördert als Arbeiten. Aber ganz im Ernst liebe Naima, da waren einige tolle Würfe dabei, und der Sound war auch fantastisch.
Posted by Jazzket

|