09.09.07
Literarischer Sonntag
Die Geschichte von der schüchternen Erbsensuppe
"Ich will nicht länger Suppe sein", sagte der jüngste Spross der Familie Erasco, der sich im Schrank immer hinter den größeren Dosen versteckte, sobald die Tür aufging und einer seiner Artgenossen zum Verzehr abtransportiert wurde. Seine breite, zylinderförmige Figur versuchte er so gut wie möglich durch einen Papierstreifen zu verbergen, auf dem für jedermann zu lesen war, dass er vom Tag seiner Geburt bis zum letzten Atemzug exakt 800 Gramm zu wiegen habe. "Erbsen-Eintopf mit Wurst" war sicherlich kein origineller Name für eine Suppe, doch immerhin deutete der Namenszusatz "von Erasco" auf seine adlige Herkunft hin, die ihn nicht davon abhielt, nachts oft betrunken nach Hause zu rollen und damit vor allem seinen Eltern auf die Nerven zu gehen, die sich in solchen Momenten manchmal wünschten, eine Tütensuppe als Sohn zu haben.
"Alle meine Freunde sind weg, sogar die Brühwürfel, die schon lange abgelaufen sind", dachte er sich oft vor dem Einschlafen und versuchte seinen Kummer mit Gedanken an alte Zeiten zu vertreiben, in denen er mit Sonnen-Bassermanns regelmäßig Reise nach Jerusalem spielte und fast immer gewann, weil SoBas nur halbe Portionen waren und mangels ausreichenden Fleischanteils häufig schon in der zweiten Runde kraftlos zusammenbrachen. Da er mit 6% Cocktailwürstchen ausgestattet war, hätte er in dieser Zeit auch bei den jungen Suppinnen beachtlichen Erfolg haben können, wenn ihm die forschen Instant-Nudel-Halodris nicht laufend die Tour vermasselt hätten.
Eines Morgens wachte er mittags auf und spürte sofort die ungewohnte Leere um ihn herum. Vater und Mutter sowie seine beiden Schwestern waren einer Heißhungerattacke ihrer Gebieter zum Opfer gefallen. Er war nun mit sich und seinem Designerbett endgültig allein in der Dosen-Etage und fühlte sich nicht gut bei dem Gedanken, ab jetzt eine dieser Einzelgängersuppen zu sein, die man nie so recht einordnen konnte. Als die Schranktür nach Stunden der Bedrückung am Abend ein weiteres Mal aufging und eine Hand nach ihm greifen wollte, nahm er sein halbautomatisches Maschinengewehr und feuerte mehrfach in Richtung des Eindringlings, der sofort zurückschreckte und geschockt die Schranktür zuwarf. Am nächsten Tag hörte er im Halbschlaf, wie die Eingangspforte seiner Behausung von außen sorgfältig mit Brettern gesichert und vernagelt wurde. Seit diesem Tag hatte er Ruhe vor weiteren Angriffen und konnte sich ungestört betrinken, was von nun an seine einzige Aufgabe war.
Posted by Tortellini

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