16.09.07
Sonntag, 16. September
Das Restaurant war so vornehm, dass selbst die Gäste leise italienisch sprachen. Als Kavalier der alten Schule zog ich meiner Begleiterin kurz vor dem Hinsetzen den Stuhl unter dem Gesäß weg, sodass sie wie ein Sack Kartoffeln auf dem Parkettboden zu Fall kam. Ich dachte, dass sie das lustig fände. Tat sie auch. Glück gehabt.
"Heute morgen sahst Du aber besser aus", setzte ich unser Gespräch fort. Ich hatte gelesen, dass man sicherer wird, wenn man zu jedem Zeitpunkt so ehrlich wie möglich ist. Und um Sicherheit ging es mir in diesem Moment. Der Waffenstillstand im Libanon würde in wenigen Stunden auslaufen und ich war seit Wochen nicht mehr beim Karate gewesen. Wäre ich in dieser Nacht von gegnerischen Truppen abgefangen und eingekesselt worden, hätte ich ihnen nur meine Mitgliedskarte zeigen können und darauf hoffen müssen, dass sie Verständnis für meine Nachlässigkeit hätten und dennoch zu Tode erschreckt wären.
Absolute Sicherheit war das nicht und deshalb musste eine kleine Notlüge her. Schließlich war sie jetzt noch genau so hübsch wie am Morgen. Fast so schön wie ein Eichhörnchen - nur das buschige Fell fehlte ihr. Das konnte man natürlich niemandem übelnehmen. Nicht jeder hatte die Zeit und das Geld, immer das entsprechende Fell mit sich zu führen, geschweige denn, es immer anzulegen. Ich hatte sie in der Herrenabteilung kennengelernt. Vielleicht wollte sie ein Fell kaufen. Dünn war sie. Richtig dünn. Sie gehörte zu der Sorte Frau, die in jeder Hinsicht von einer Schwangerschaft profitiert hätte. Doch ein bisschen anders als vorhin sah sie schon aus. Vielleicht war sie es gar nicht. Gesichter konnte ich mir schlecht merken.
"Mein Vater arbeitet beim Zoll", antwortete sie lässig. "Ist nicht wahr", sagte ich und zog die Schuhe aus. Das war die letzte Lüge an diesem Abend. Der Kellner näherte sich und ging auf die Knie, um meine Bestellung entgegenzunehmen. "Nüsse für die Dame und eine Tomate für mich" - kurz, präzise und ehrlich. Ich hätte Besteller werden sollen, zumindest in diesem Restaurant. Mein Italienisch war besser als ich dachte.
Nach dem Essen gingen wir in eine kleine Telefonzelle, um ungestört zu telefonieren. Unser gemeinsames Ferngespräch dauert nur zwei Minuten, dann beschimpfte mich ihr Vater als Müßiggänger und legte auf. Sie lachte und aß einen Keks. Beide verstanden sich gut. Auch das konnte man ihr nicht übelnehmen. Er hatte Recht, doch zur Strafe fuhr ich mit ihr nach Berlin.
Auf der Autobahn zählte ich die Regentropfen auf der Frontscheibe. Nachts sind das kleine rotweiße Lichter, die sich in Gruppen nach oben bewegen und versuchen, dem Scheibenwischer zu entkommen. Manche erlauben sich einen Spaß und reissen zu den Seiten aus. Das sind die leichtsinnigen Tropfen, die drop-outs, die keine Lust auf ein geregeltes Leben haben. Man sieht sie nie wieder und hört nur, dass es ihnen gut gehen soll. An einem Punkt der Fahrt versuchte ich die Tropfen aufzulecken, bis mir meine Begleiterin erklärte, dass das nicht möglich wäre. Ich säße drinnen und der Regen würde nur von außen auf die Scheibe fallen. Zollvätertöchter wissen sowas und geben ihr Wissen gerne weiter. Nach einer Weile probierte ich es wieder. Auch sie versuchte es, wahrscheinlich um ihre Theorie zu beweisen. Bei ihr klappte es.
Posted by Deutschlandfunk

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