21.11.05
Sprache geht durch den Magen
Wer die Feinheiten der zeitgemäßen jungen Sprache kennen lernen will, der muss einfach nur den Leuten auf den Mund schauen, die davon am wenigsten Ahnung haben: Lehrbeauftragte, Pädagogen und Christen die sich selber zu ernst nehmen. Den Videobeweis zu dem Thema hat freundlicher weise die Polylux Redaktion geliefert, selbst eine Institution der schlechten Pointen, sind sie unter Deutschlands Kulturredaktionen circa die Zeugen Jehovas. Interessante Themen (Gott und die Welt) und schlechte Punchlines („Hast du mal von dem Herren Jesus gehört?“). Polylux steckt aber auch hinter „Tracks“ ARTE TVs gelungenem Musikmagazin, und hat einen sehr gute Dokumentation mit dem Titel "Jesus' junge Garde - Die christliche Rechte und ihre Rekruten" abgeliefert.
Die Dokumentation begleitet Anhänger der Betgemeinschaft „The Call“ die aus den Staaten stammend mittlerweile auch Europa erreicht hat. Dreh- und Angelpunkt ist Esbjörn. Esbjörn ist eigentlich Rapper. Er ist aber so derartig fürchterlich talentbefreit, dass er vermutlich früher oder später durch einen Disstrack der Fanta 4 mit einem Gastverse von H.P.Baxxter sein Karierende hinnehmen muss. Aber keine Angst, ‚Esbjörn is in it for Jesus, not fort he money’ – The Call wird ihn schon durchbringen.
In einer der Szenen bestaunt der Zuschauer, wie eine Missionsgruppe aufgebrachter Jesus-Groupies die ostdeutsche Religionswüste beschreitet, um der ansässigen Jugend den Herren näher zu bringen. Esbjörn, als Blinder unter den Geistesgestörten immer noch Klassensprecher, steppt an halbnackte Skater, um sie für die Sache zu gewinnen. Und hier beginnt die große Kunst. Als Rapper mit einem fantastischen Ohr für die Straße ausgestattet, beginnt er die Kommunikation. „Ich würde gerne irgendwie für euch beten, so“ – Die vollkommen von Klingeltönen und Klebstoff durchseuchten Skater wissen nicht viel, ausser der Tatsache, dass ihre Konzentrationsspanne ohnehin auf 2 Sekunden, die sie für den täglichen Aufprall – gesponsert von der Schwerkraft – benötigen, verkürzt ist. Woraus sich folgern lässt, dass alles was der werte Esbjörn da erzählen wird, eh nicht länger als 2 Sekunden wehtun wird, bevor sich ihr Hirn in die Jamba-Werbepause verabschiedet. Esbjörn darf also irgendwie für sie beten, so. An diesem Satz erkennt man sehr schön wie Esbjörn die „zeitgemäße“ Sprache imitiert. Ein Satz kommt nicht mehr ohne Möglichkeiten aus. Man kann heute nichts mehr definitiv feststellen. Irgendwie muss da so was wie irgendwie oder total, in der Konstruktion vorkommen, so. Der studierte Linguist mit Soziologie im Nebenfach wird jetzt eventuell behaupten wollen, dass dieses Phänomen klar mit der Ungewissheit zusammenhängen muss, der sich die Jugend heutzutage ausgesetzt sieht. Wer nicht mehr weiß, was er eigentlich werden soll, darf und kann. Wer sich nur noch auf einen späteren Anruf auf dem Handy einigen kann, nicht mehr auf eine Abmachung, der muss auch sprachlich den Gegebenheiten Tribut zollen. Ein Satz braucht die Ungewissheit, die mittlerweile das jugendliche Erlebnis völlig durchdringt. Diese Annahme ist aber falsch.
Vielmehr hat die heutige Jugend einfach gar nichts mehr zu sagen - Meinungsfreiheit im eigentlichen Sinne. Das Fernsehen deckt einfach alle Themen ab, das Leben würde gänzlich unerträglich werden, würde man sich jetzt sprachlich präzise ausdrücken. Die Jugend sucht also Sprache die auch gänzlich ohne Inhalte auskommt. So kommt es gerade im Internet verstärkt zu Gemeinschaften, die sich um einen sog. Blog drehen. Menschen lesen seitenlange Beiträge zu vermeintlichen Themen wie Sprache, Funk und Nachtleben. Dieses Problem muss eine Große Koalition in den Griff bekommen, wenn es mit Deutschland jemals wieder aufwärts gehen sollte. Du bist Deutschland!
Posted by Jazzket

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