17.01.05
Walgesang
Da bricht man am Dienstag auf, und am Freitag schon bricht die Welt zusammen: Mosi ist tot! Viel schlimmer finde ich, dass ich innerhalb von 5 Minuten von völlig unterschiedlichen Leuten verdächtigt wurde...
Ich betrete das Büro und direkt schallt es mir entgegen: Moshammer ist tot! Ich bin zutiefst betroffen und falle in Ohnmacht. Mein erster Gedanke, nachdem der kalte Kaffee vom Vortag - in meinem Gesicht - mein Bewusstsein wieder auf touren bringt gilt Daisy. Und bevor ich Daisy eine SMS schreiben kann, kommen auch schon die Fragen: "Wo genau warst du noch mal?" "Ist das nicht extrem verdächtig?" "Gib es zu! Du warst es!"
Es hat mich einiges an Überzeugungsarbeit gekostet, mich des Verdachtes meiner Kollegen zu entziehen, da rasselt mein Handy in der Hosentasche: Kalle Peru schreibt: "Gestehe! Du hast Rudolf Moshammer ermordet..."
Wie geschmacklos mich zu verdächtigen, wo ich doch ein guter Freund von Daisy bin! Nachdem ich von Daisy dann endlich die Nachicht bekommen habe, dass sie wohl auf sei und schon irgendwie klarkommen würde, kann ich endlich meinen Vorgesetzten Mitteilung erstatten, was ich so auf dem Seminar gelernt habe: Ich kann nicht singen.
Man hat mich in einen Zug verfrachtet, nach Albstedt gefahren und in einen Chor gezwungen. Da hat man mir schon nach wenigen Stunden bescheinigt, dass ich überhaupt nicht singen könnte. Was eine riesen Erleichterung für mich bedeutet, endlich Gewissheit. Ich dachte vorher immer, ich wäre bei den Superstar-Castings gescheitert, weil ich einfach zu gut aussehe. Man stelle sich nur mal vor wie ungelenk das wäre, man hätte 22 Jahre gedacht man könnte singen. Ich hatte einfach diesen Instinkt der mir gesagt hat, dass mir mindestens eine Oktave in der Mitte fehlt. So war es dann auch. Die sächselnde Chorleiterin (das war ein offizielles Seminar mit Anwesenheitspflicht!) verzweifelte an meiner Stimme, nachdem sie anfänglich dachte, ich wäre vielleicht das fehlende Zwischenstück zwischen Wal und Mensch.
Und so fristete ich ein trauriges Dasein in Albstedt. Albstedt allerdings ist kein Kind von Traurigkeit. Überall in dem Seminarhaus (mit Sauna) lagen Prospekte über die üblichen Angebote des Hauses: Gay Tantra Kurse, Gay-SM-Einstiegskurse und Gay-Uniformspiele. Da fühlen sich die Bettlaken gleich viel kuscheliger an. Und die Tatsache, dass die Zimmer nicht abschließbar waren ist auf einmal so... sinnig. Nun gut unsere Chorgruppe hat ja nun auch akustische SM-Spiele veranstaltet und die Theatergruppe hat sich bei den Verkleidungen richtig ausgelebt, aber warum sind alle Prospekte und Broschüren von Angeboten für homosexuelle Männer voll von Nackten?
Fotos von Nackedeis im Wintergarten, auf der Theaterbühne, im Musikraum, beim "Tanzen im Spiegelsaal", im Speisesaal, auf den Zimmern, im Garten...
Die Fotos von den sanitären Anlagen waren auch recht explizit.
Nur in der Sauna waren die Jungs gekleidet: in Uniform!
Besonders verwunderlich wird dies, wenn man mal die Bekleidungsgeschäfte der Stadt betritt. Fast alle Läden verkaufen nur noch Männerbekleidung, die etwas durch die Blume gesprochen, sehr offen mit dem Thema Homosexualität umgeht. Was ist bloß in die Designer der großen Ketten wie H&M gefahren?
Vielleicht sollte ich doch einfach Gay-Tantra-Kurse belegen, das könnte beim Einkaufen einfach hilfreich sein.
Posted by Jazzket

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