29.03.06 Wegfahrsperre, die

Die Schreibblockade, fast schon ein guter Freund, hat übers Wochenende ihre Sachen gepackt und ist jetzt weiter gezogen. Aber das macht nichts, denn direkt danach kam eine gute Freundin vorbei. Die Rede ist von der hübschen Sprachbarriere. Selbst Fliegen ist nicht schöner als kasachisches Performancetheater mit angeschlossenem Teppichverkauf. Noch besser wird es natürlich, wenn selbst die Kasachen nicht wissen, was genau sie spielen werden. Was alleine ja schon fantastisch wäre, man könnte fast meinen, besser geht es nicht, wären nicht noch 4 deutsche Performance Anhänger mit im Spiel, die auf Schweinefellen trommeln und vollkommen aufgelöst tanzen, zu den Klängen eines griechischen Sängers, dessen Namen niemand kannte. Macht nichts, die Gema hat bestimmt weggeschaut. Und unbewusst Teil einer solchen Performance zu sein, muss selbst für einen Griechen Bezahlung genug sein.
Und am Samstag folgte dann der vielleicht schönste Arbeitstag meines Lebens. Meine Anwesenheit war erfordert, weil es möglich sein sollte, bei einer Diskussion nicht nur zu diskutieren, sondern auch die Toilette zu benutzen. Der Plan des Häuptlings war es, dass ich jeden Gast, der auf die Toilette wollte, zu eben dieser geleiten würde, eine Tür aufschließen sollte, mich höflich gedulden bis kulturelle Notdurft verrichtet, und dann die Tür wieder abschließen sollte. Für die Scheiße anderer bezahlt zu werden ist in der Kulturbranche ja durchaus Gang und Gebe, aber diesen Missstand so deutlich aufgezeigt zu bekommen, war doch schon sehr beeindruckend und wird eine Prägung wie Klopapier nach sich ziehen. Ich habe mich dann selber durch einen Streifen Gaffer-Tape ersetzbar gemacht und den Nachmittag damit verbracht, gute Musik auf einer schlechten Anlage zu hören. Nebenbei mussten noch ein paar exotische Künstler betreut werden.
Zwei Kasachen, lustig verkleidet, machen sich auf den Weg die Diskussion zu stören. Was natürlich nicht mit meinem Aufgabenfeld zu vereinbaren ist. Also versuche ich die Kontaktaufnahme.
In Anlehnung an einen weltweit genutzten Firmenslogan eröffne ich mit „Where do you want to go?“ in der Hoffnung das Microsoft es vielleicht bis in diese Ecken der Welt geschafft hat.
Und ja auch in Kasachstan scheint es Microsoft zu geben. Zumindest erhalte ich auf meine Anfrage eine Fehlermeldung: „English Problem! – you speak Kasachs?“. Klingt ganz nach Windows. Kasachen laufen alle auf Windows 95!? Krebsgeschwür der Globalisierung. Dank vom Schlüsselmeister an Mr. Gates!
Aber eigentlich haben sich alle über die lustig gekleideten Menschen gefreut, die plötzlich vor dem Podium auftauchten. Weniger gefreut habe ich mich dann vier Stunden später über den lustig gekleideten Herren, der unglaublich unsympathisch war. Komplett in schwarz gehüllt, immer darauf bedacht, dass der Kragen den Mund verdeckt, und konsequent auch nach 40 Minuten im geheizten Foyer noch mit schwarzen Lederhandschuhen bewaffnet. Diese Beschreibung würde doch vorzüglich auf einen usbekischen Auftragskiller passen, der einen regimekritischen Künstler ausschalten soll. Auf das Angebot, dem Publikumsgespräch beizuwohnen, kam nur auffällig freundlich „Ich muss erst noch telefonieren“. Da stellt sich einem natürlich die Frage: Wie wichtig ist dir usbekischen Theater? Und wie fängst du eine Kugel, wenn du letztens beim Basketball spielen erst wieder feststellen musstest, dass du nicht Neo bist. Und du hast dich auch nicht zwischen roter und blauer Pille entschieden, sondern zwischen Choco Crossies und Milka-Herzen. Immerhin hättest du durch deine Wahl die Fläche um im Weg zu stehen.
Das Telefongespräch des Herren Auftragskiller hat dann scheinbar doch ein besseres Abendprogramm ergeben. Aber was ist schöner als ein Publikumsgespräch in einer stinken Halle, auf russisch, mit usbekischen Künstlern, die direkt vom Kölner Karneval kommen könnten? Fliegen bestimmt nicht.
Und als ob das nicht genug gewesen wäre, war ich auch noch live im Radio zu hören. Beziehungsweise nicht zu hören. Ich durfte noch einem Reporter von Deutschland Funk bei seiner Reportage unterstützen. Ich würde sagen, meine Rolle war ähnlich wie die von Warren G. während der Studioaufnahmen zu Dr. Dre’s The Chronic: Chillin, layin back in the cut. Vibing along. Bobbing my head to the sound of the interview.
Fun Fact: Der Reporter hieß Fuchs, sah aber anders aus als der grandiose Motherfucker aus dem Videointerview mit Sido nach der Azad-Schlägerei. Kein Plan Alta! Aber „i like the way you...“

Posted by Jazzket