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05.12.04
Zum Nikolaus etwas Prosa
Erst in extremen Situationen erkennt man, wer man eigentlich ist. Tragisch ist es immer dann, wenn der Rest der Welt diese Erkenntnisse miterleben darf. So stellen Prominente aus der hinteren Reihe im TV-Dschungel-Camp fest, dass sie eigentlich Vollspacken sind und am besten gleich in den nächsten RTL2-Container gehören. Ganz anders ist es mir ergangen. Ich habe entdeckt, dass ich übernatürliche Fähigkeiten besitze. Ich bin in der Lage, die Zeit zu kontrollieren - also gut, Kontrolle ist vielleicht die falsche Vokabel, aber die kosmische Zeit und ich, das ist ein Sonderfall. Beispiel!
Supermarkt. In meiner hoodregulativen Art durchschreite ich die anpreisenden Regale als wäre ich Snoop Doggs Choreograph. Köstlichkeiten aus aller Herren Länder werden soweit das Auge reicht pfeilgeboten. Grüner Pfeffer aus den Weiten Arabiens nebst Schweinesülze aus Groß-Plötzka, Landkreis Undeloh. Die Regale scheinen sich meines Anblickes zu erfreuen und rücken etwas enger zusammen um mir Spalier zu stehen. Auf der einen Seite das 40 Pfund Nutella-Jubiläums-Glas, auf der anderen Seite die Kondolenzkarte für den nach dem Glas folgenden Lebertod. Ich bin ohne Einkaufswagen unterwegs, weil dieser gerade bei West Coast Customs gepimped wird - ein Freundschaftsdienst meines Homies X to the Z (Xzibit - für alle Leute die ein Privatleben haben oder andere Gründe, kein MTV zu schauen). Fly as fuck - so steht er da: J-A-Z-Z. Die Milch in der Rechten, die Linke im Schritt, die Haare im Wind. Die Frau an der Wursttheke wird allein von meinem Anblick schwanger - die Schweinehälfte links hinter ihr ebenfalls.
Die Band, die mich beim Einkaufen immer begleitet, um meine Titelmelodie zu spielen (jeder Superheld braucht eine), setzt die Pauken und Trompeten ab - wir nähern uns der Kasse. Die Spannung steigt. Eigentlich grundlos. Egal für welche Kasse ich mich entscheide, ich stehe immer am längsten an! Ich und die Zeit sind halt so ne Sache. Ich habe zwei Kassen zur Auswahl, um jedes Mal erneut zu versuchen die Zeit zu besiegen. Und doch verliere ich jedes Mal.
An der einen Kasse stehen drei Menschen, an der anderen nur zwei. Ich beginne abzuschätzen, welche Schlange schneller "kassiert" wird. An erster Stelle in der einen Schlange steht die klassische Oma, die ihre Centstücke loswerden will und heute bedauerlicher Weise - oder doch aus Trotz - ihr Hörgerät nicht eingeschaltet hat. Hinter ihr der nächste Klassiker, der gescheiterte Mit-Vierziger, der jetzt sehr erfolgreich gegen seine Leber angeht und die tägliche Munition im Kampf gegen sein Wohlbefinden einkaufen möchte.
In der anderen Schlange steht diese Art Frau, die auf Männer so wundersam wirkt. Alle bewundern sie mit ergebenen Blicken. Mann sieht sofort, wie wundervoll sie in einem weißen Hochzeitskleid aussehen, und wie großartig ihr wohl ein klassischer Hosenanzug stehen muss, den sie beim Scheidungstermin dem Richter vorführt. Hinter ihr ein kleines Kind mit dem Geld für das Überraschungs-Ei bereits in der zappeligen Hand. An dritter Stelle dieser Schlange noch der Mathematik-Student, der sein ansonsten völlig spaßbefreites Dasein mit zwei Flaschen Bier aufheitern möchte. Ausserdem kauft er noch ein Magazin Namens 'Abenteuer Leben' - weil er selber keins hat. Vielleicht kennt er sogar den Alki in der anderen Schlange.
Mein Entschluss ist es, sich der kürzeren Schlange mit dem Alki und der Oma anzuschließen, denn manchmal muss man andere Menschen einfach riechen um zu merken, dass man noch lebt.
Die Schlacht mit der Zeit beginnt in dem Augenblick, als sich ein weiterer Jüngling mit einer Milch und Cornflakes bewaffnet der anderen Schlange anschließt. Ich müsste ohne übernatürliches Zwischenspiel eigentlich vor dem jungen Herren den Supermarkt verlassen.
Der Auftakt des Rennens verläuft in der gegnerischen Schlange unspektakulär. Die prächtige Frau verlässt mit stolzem Gang den Kassenbereich. Die Oma in meiner Schlange ist noch von der etwas älteren Schule. Laufbänder sind ihr nicht geheuer, weshalb sie jedes einzelne Produkt mit wackliger Hand direkt zur Kassiererin reicht und diese junge Dame auffordert, nicht so hektisch zu zappeln, da wir uns nicht in einer Diskothek befänden. Die junge Dame an der Kasse verlangsamt ihr Tempo, während mir so langsam klar wird, dass der Alki eine Trainingshose aus der pre-pissed Collection trägt, die einfach zu bequem ist, um sie jemals zu wechseln.
Zu diesem Zeitpunkt liege ich bereits zurück.
Auf der anderen Seite stellt sich dann aber heraus, dass das Überraschungs-Ei des kleinen Steppkes nur Tarnung war und er versucht hat, erheblich mehr Alkohol zu klauen als der Alki vor meiner Nase zu kaufen gedenkt. Eigentlich ja auch nicht weiter verwunderlich, hat der Kleine schon beinahe das 6. Lebensjahr erreicht und Zugang zum Kabelfernsehen. So bemerke ich dem Ladendetektiv gegenüber, dass es dem kleinen gut angerechnet werden möge, dass er die Zigaretten nicht etwa geklaut, sondern am Vortag bei einem verantwortungsbewussten Kiosk-Betreiber käuflich erworben hat.
Ich habe aufgeholt und liege beinahe in Führung.
Die Oma ist auch schon beinahe abkassiert. Die Kassendame tippt noch auf die Bestätigungstaste als plötzlich eine Sirene losjault. Wie sich herausstellt ist die alte Frau die einemillionste Kundin, was natürlich gefeiert werden muss. Aus diesem Anlass hat der Schlemmermarkt in Eppendorf niemand anderes als Kool King Savas bestellt, um der Kundin mitzuteilen, dass ihr Einkauf völlig kostenlos sei. Ich bin einfach nur froh, dass es Savas und nicht Scooter ist, der zum Jubiläum aufläuft. Leider sieht die alte Frau das mit Savas etwas anders, und wer die Texte von S-A-V kennt, wird sich denken können, dass der Gute mit einer Dame jenseits der 80 nicht ganz kompatibel ist, die schon Laufbänder an der Kasse mit Argwohn betrachtet. Erschwerend kommt die Sache mit dem ausgeschalteten Hörgeräten hinzu. Savas ‚kickt’ eine Acappella-Laudatio, die alte Frau kontert mit „WAS?...Junger Mann hören Sie...WAS?“-Adlibs. Das Gesamtkunstwerk erinnert irgendwie an eine Savas-Lil’John Collabo. Am meisten Zeit kostet dann allerdings die Tatsache, dass die Oma ihren Einkauf gar nicht geschenkt haben, sondern so bedingungslos wie Adolf seiner Zeit den Krieg ihr Kleingeld loswerden will.
Ich verliere sämtlichen Vorsprung.
Zu meinen Gunsten beginnt der Student in der gegnerischen Schlange mit der Kassiererin zu flirten, ob sie denn seine Zirkel-Sammlung mal sehen möchte. Die bescheidene Ausstattung der Kassiererin in Sachen Intellekt wiederum sorgt für großes Interesse an Zirkeln. Sie weiß halt nicht wovon der Gute da spricht.
Ich liege wieder besser im Rennen.
Savas hilft der alten Frau gerade beim Tragen der Taschen, als die Papierrolle in der Kasse für Probleme sorgt - einfach nur, damit ich mehr Zeit hinter dem Alkoholiker verbringen darf, der anfängt zu fluchen. Der Ladendetektiv wird gerufen, wurde aber von dem kleinen 6-Jährigen abgestochen. Meine Stimmung steigt in dem Augenblick ins Unermessliche, in welchem ich Scooter durch die Türe des Supermarktes huschen sehe.
Ich falle wieder etwas zurück im Kampf gegen die Zeit.
Zu meinem Vorteil hindert ein Flugzeugabsturz direkt über der gegnerischen Kasse den Betrieb in jener Schlange etwas, unterstützt aber das Balzgehabe des Studenten, der sich seines Erfolges nun sicher sein kann. Eher zu meinem Nachteil rechne ich die Tatsache, dass für meine Kasse keine Bon-Rolle mehr auf Lager ist und nun eine Diskussion zwischen den Marktleitern entbrennt, bei der es um die Umstellung auf umweltfreundlicheres Papier geht. Der Alki hat in der Zwischenzeit seinen guten Korn schon mal geöffnet und will unbedingt mitdiskutieren, was auch nicht gerade dazu beiträgt, dass ich den Laden schneller verlasse.
Die Rettungskräfte haben die andere Kasse nach dem Flugzeugunglück wieder fit gebügelt, die Kassiererin wurde ausgewechselt, damit die junge Dame dem Studenten folgen kann, damit auch da noch etwas gebügelt werden möge.
Jetzt geht es also um die Wurst, mein direkter Gegenspieler und ich stehen gleichzeitig an der Kasse, meine Milch ist schon auf dem Laufband, das neue ökologische Bon-Papier nachbestellt und eingewechselt. Aber auch mein Kontrahent muss sich keines schlechten Blattes schämen. Die ausgewechselte Kassenkraft ist erfahren und seine Milch und Cornflakes sind auch schon auf dem Laufband. In der Tat ist die neue Kassenkraft mit einem so erfahrenen Sitzfleisch ausgestattet, dass sich mir der Weg durch den Kassengang versperrt, da die Tür der anderen Kasse nicht mehr korrekt schließt. Meine Milch schleicht auf dem Laufband in Richtung Scanner dahin. Mein direkter Konkurrent ist schon dabei das Geld aus seiner Tasche zu holen, erste Schweißperlen zeichnen sich ab auf meiner Stirn. Mein Blick wechselt hektisch von meiner Milch zur anderen Kasse. Milch-Laufband-Scanner-Schnitt-Gegner-Cornflakes-Geld Und wieder: Milch-Scanner-Geräusch -Schnitt-Geräusch-Gegner-Geld-Kasse-SCOOTER!
Scooter persönlich taucht hinter den Zigaretten auf. Auffallend vor allem seine Ähnlichkeit mit einer schlechten japanischen Godzilla-Puppe, die man aus den klassischen Filmen kennt.
Mir wird ganz anders. Ja, es ist Scooter in meinem Supermarkt, aber ich darf mich trotzdem nicht übergeben, ich muss dieses Rennen gewinnen. Mein Konkurrent, der junge Mann mit der Milch und den Cornflakes ist schon zur Geldübergabe gekommen. Ich ziehe einen 50-Euro-Schein aus der Tasche und brülle der Kassendame „Stimmt so!“ ins Gesicht. Trotzdem ist mein Gegner schneller und stürmt in Richtung Ausgang. Zu meinem Schrecken ist auch Scooter schon auf dem Sprung aus der Kassenzone - er hat gar nichts gekauft, er wollte „nur mal gucken“. Geschlagen von meinem Gegner UND von Scooter breche ich zusammen. Danach alles schwarz. Das Nächste, was ich mitkriege, ist, wie Savas mir Erbrochenes aus dem Mund puhlt um mir das Leben zu retten. Ein Leben als Superheld heißt halt auch Dealen mit Kompromissen.
Wer jetzt zum Beispiel in der Lage ist, zu sagen, was das alles noch mit Funk zu tun hat, der wird tolle Chancen beim "De La Soul"-Gewinnspiel haben, welches diese Woche per Newsletter vom Stapel gelassen wird.
Posted by Jazzket

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