J. Rawls pres. The Liquid Crystal Project

. Rawls pres.
"The Liquid Crystal Project"
Polar / Groove Attack

This is something for the thirty-something cats that yearn for a mature music, lässt mich der Beipackzettel zu dem Rawls seiner neuen Projekt-Scheibe wissen. Insofern fühle ich mich verpflichtet, zu Protokoll zu geben, dass ich zwar die 30 noch nicht ganz erreicht habe, aber doch auch irgendwie "mature" Musik mag. Ist ja nicht so, dass es davon zu wenig gäbe, wenn man mal die Augen aufhält. Und so ist durchaus bekannt, dass man als conscious HipHop-Beatmaker von Welt gerne mit Jazz flirtet. In diese illustre Reihe, die in der Moderne von Madlib bis irgendwo hinter El-P reicht, reiht sich jetzt auch J. Rawls ein, was angesichts seiner Produktionen für Lone Catalysts und eigene Albumprojekte auch erstmal Sinn macht. Der Mann hat eine Diskographie, die vielleicht nicht durch Berge von Output, aber doch durch schlaue, seelenvolle Produktionen und einen prägnant jazzigen Vibe zu glänzen versteht.

Und nun hat er eine vierköpfige Begleitband zusammengetragen, um dieses Konzeptalbum, "this vision of a different type of jazz and hip hop fusion" zu verwirklichen: Zwei Keyboarder, ein Drummer und ein Gitarrist gehören zum Line-Up, ergänzt durch Gäste, von denen gleich drei weitere am Fender Rhodes Piano gelistet werden. Das prägt den Sound. Und so wunderbar warm dieses Instrument auch klingen mag, Rawls' Vision ist durchtränkt von Rhodes-Sounds, die über die gesamte Spielzeit von 56 Minuten dominant bleiben. Nicht, dass das per se negativ ist, aber zumindest der twenty-something Kater (wieso sagt das keiner auf deutsch?) empfindet das Spektrum nach ein, zwei Durchgängen doch schon arg eingeschränkt. Rawls versteht sich immerhin darauf, den Drum-Part fast komplett selbst zu übernehmen, was zu einem angenehm schlurfigen, leider ausschließlich midtempo gehaltenen, laid-back Boom-Bap-Vibe mit viel Handclaps hier und dort führt. Das ist auch der Kern dieser Platte: Die Drums sind so weit hinterher, dass der Musik viel Luft zum Atmen bleibt. Das gibt ihr Atmosphäre.

Nur leider verpufft viel davon gleich wieder ungenutzt in dem Eindruck, hier einer willkürlichen Jam-Session beizuwohnen - so recht weiss man nicht, was hier eigentlich verfolgt wird, oft hört man bestenfalls Songskizzen, lockere Soli, wie bei einer Band, die sich gerade warmspielt, aber noch nicht wirklich angefangen hat. Und, was bei einer solchen Platte nie passieren darf: Man ertappt sich dabei, auf Vocals zu warten (erst im Hidden Track, der auch als stärkste Nummer gelten darf, taucht Gesang auf). Man überlegt sich, was ein Madlib oder ein Dilla, dem hier immerhin zwei Tributes gewidmet werden, mit solchem Material gemacht hätten, und leider ist klar, dass sie es besser gemacht hätten. Madlib, der Mann aus Oxnard beispielsweise - leider bleibt der Vergleich nicht aus - ist auch kein Ahmad Jamal am Piano, versteht sich aber darauf, kantige, dynamische und lebendige Produktionen auf ähnlich reduzierter Basis abzuliefern. Das "Liquid Crystal"-Pendant hingegen entbehrt nahezu jeglicher Ecken und daddelt zu sehr auf Jam-Atmosphäre herum, um die Sketches mit Aufregung füllen zu können. Es fehlt das Geniale, das Unvorhergesehene, das ein solches Album zum Ereignis macht, es fehlt das Vielschichtige, was in einer Fusion aus Jazz und Boom-Bap nicht komplett untergehen darf.

Man möge mich nicht falsch verstehen, das Album ist durchweg angenehm und findet seinen Platz im Alltag, aber eben dauerhaft nicht im Herzen. Dazu ist es zu sehr leichte Beat-Kost, und zu wenig das, was Rawls uns verspricht.

djmq | Sonntag, 30. Juli|